Von Susann Koalick und Martina Leser
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Mit dem WHO World No Tobacco Day Award wurde unsere Leiterin Nikotinberatung, Susann Koalick, in der Schweiz für ihr jahrzehntelanges Engagement in der Tabak- und Nikotinprävention ausgezeichnet. Die Ehrung würdigt nicht nur ihre Pionierarbeit auf der Barmelweid, sondern lenkt auch den Blick auf eine wachsende Herausforderung: neuartige Nikotinprodukte, die zunehmend junge Menschen abhängig machen.
Als Susann Koalick Ende Mai in Madrid den WHO World No Tobacco Day Award entgegennehmen durfte, war dies weit mehr als eine persönliche Auszeichnung: Eine Würdigung für jahrzehntelanges Engagement in der Tabak- und Nikotinprävention – und ein Signal, das weit über die Landesgrenzen hinausreicht. «Die Verleihung in Madrid im war sehr feierlich und berührend», erinnert sich Koalick, «sie hat mir noch einmal vor Augen geführt, was aus einer Vision entstehen kann, wenn Menschen gemeinsam an eine Idee glauben und sie konsequent verfolgen.»
Diese Vision begann 1999 auf der Barmelweid. Gemeinsam mit dem inzwischen pensionierten Pneumologen Martin Frey setzte sich Susann Koalick dafür ein, die Nikotinberatung als festen Bestandteil der Behandlung auf der Barmelweid zu etablieren – zu einer Zeit, als das Thema vielerorts noch wenig Beachtung fand. Heute gilt die Barmelweid als Pionierin auf diesem Gebiet.
Eine Auszeichnung für die Schweiz – trotz schwieriger Ausgangslage
Der WHO-Award trägt den Namen von Susann Koalick. Doch für die Nikotinberaterin steht fest: Die Auszeichnung würdigt weit mehr als nur eine einzelne Person. ««Es gibt viele Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter auf diesem Weg. Er zeigt auch, dass die Arbeit, die Schweizer Kliniken in der Nikotinprävention leisten, international wahrgenommen und geschätzt wird», sagt sie.


Gerade deshalb hat die Ehrung eine besondere Symbolkraft – denn die Schweiz schneidet bei der internationalen Tabak- und Nikotinkontrolle seit Jahren vergleichsweise schlecht ab. Fachleute kritisieren immer wieder die schwachen gesetzlichen Rahmenbedingungen und den starken Einfluss der Tabakindustrie auf politische Prozesse. Hinzu kommt, dass mehrere internationale Tabakkonzerne ihren Sitz in der Schweiz haben.
Bemerkenswert ist zudem, dass mit Dr Mónica García Gómez, Gesundheitsministerin Spaniens, und Dr Svetlana Nicolaescu, stellvertretende Generalsekretärin des Gesundheitsministeriums der Republik Moldau, weitere Frauen für ihr Engagement ausgezeichnet wurden. Die Ehrungen zeigen, wie stark Frauen die internationale Tabak- und Nikotinprävention heute mitgestalten.
Doch mit diesem Award ist die Arbeit noch lange nicht «getan», denn die Tabak- und Nikotinindustrie schläft nicht. Immer wieder kommen neuartige Nikotinprodukte vermarktet als «Lifestyle-Produkte» auf den Markt.
Never Ending Story: Die Industrie erfindet sich ständig neu
Während klassische Zigaretten zunehmend an gesellschaftlicher Akzeptanz verlieren, bringt die Tabak- und Nikotinindustrie laufend neue Produkte auf den Markt. Besonders Nikotinbeutel und E-Zigaretten sind unter Schweizer Jugendlichen stark verbreitet. Für Susann Koalick ist das kein Zufall:«Die Industrie schläft nicht. Sie findet immer wieder neue Wege, um Menschen an Nikotin zu binden und neue Konsumentinnen und Konsumenten zu gewinnen.»
Besonders kritisch sieht sie den Boom der Nikotinbeutel, auch als Snus und Nikotinpouches bekannt. Die kleinen Beutel werden unter die Oberlippe gelegt und geben Nikotin ab – häufig in deutlich höheren Konzentrationen als herkömmliche Zigaretten. «Das ist eine leise Sucht», erklärt Koalick, «viele Menschen merken gar nicht, wie stark diese Produkte abhängig machen können.»
Während Nikotinbeutel in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Belgien oder Holland verboten oder streng reguliert sind, dürfen sie in der Schweiz nach wie vor verkauft werden. Gleichzeitig werden sie oft als moderne Lifestyle-Produkte vermarktet. «Diese Produkte sind keine Ausstiegshilfen für Rauchende. Sie sind Einsteigerprodukte für Jugendliche und junge Erwachsene», weiss Susann Koalick.
Wenn Jugendliche nicht mehr davon loskommen
Die Folgen zeigen sich zunehmend auch in der Praxis. Auf der Barmelweid begegnet Koalick immer häufiger jungen Patientinnen und Patienten, die Schwierigkeiten haben, ihren Konsum von Nikotinbeuteln einzudämmen oder ganz zu beenden. «Wir sehen insbesondere in der Psychosomatik immer mehr junge Menschen, die nicht mehr von diesen Produkten wegkommen», erklärt sie.

Dabei spiele die hohe Nikotinkonzentration eine entscheidende Rolle. Nikotin gelangt innerhalb weniger Sekunden ins Gehirn und löst dort die Ausschüttung – unter anderem – von Dopamin aus, jenem Botenstoff, der für das Belohnungsgefühl verantwortlich ist. Susann Koalick klärt auf: «Es sind nur wenige Sekunden, bis die Wirkung einsetzt.
Das Problem: Die gesundheitlichen Folgen sind noch längst nicht vollständig erforscht. Bereits heute zeigen sich jedoch Probleme im Mundraum, an Zähnen und Zahnfleisch. Beim Vapen wiederum stehen Atemwegs- und Lungenerkrankungen im Fokus. «Viele der enthaltenen Stoffe sind noch relativ neu», erklärt Koalick, «wir wissen teilweise noch gar nicht genau, wie sie langfristig wirken.»
Aufklären statt wegschauen
Ein zentrales Problem sieht Susann Koalick im mangelnden Bewusstsein der Bevölkerung. Viele Eltern, Lehrpersonen und andere Bezugspersonen wissen noch immer wenig über Nikotinbeutel und deren Suchtpotenzial bei Jugendlichen. «Wir befinden uns in einer Sensibilisierungsphase. Viele Menschen kennen diese Produkte gar nicht oder unterschätzen ihre Wirkung.» Deshalb brauche es mehr Aufklärung – nicht nur durch Fachpersonen, sondern auch durch Betroffene selbst.
«Wir müssen über die Menschen sprechen, die abhängig geworden sind. Und noch wichtiger ist es, mit ihnen zu sprechen. Sie können erzählen, wie schwierig es ist, davon loszukommen und welche Auswirkungen die Abhängigkeit auf ihr Leben hat», erklärt Susann Koalick. Gleichzeitig müsse die Gesellschaft Verantwortung übernehmen: «Wir dürfen nicht einfach wegschauen und denken: Das geht mich nichts an. Prävention ist eine gemeinsame Aufgabe.»
Was hilft beim Ausstieg?
Trotz aller Herausforderungen erlebt Susann Koalick täglich, dass ein Ausstieg aus der Nikotinabhängigkeit möglich ist. Der wichtigste Schritt dabei ist die persönliche Motivation. Für eine nachhaltige Verhaltensänderung braucht es ein persönliches «Wozu». In der Klinik entsteht dieses häufig durch einen sogenannten «Teachable Moment» – etwa dann, wenn eine rauchbedingte Erkrankung die Betroffenen zum Nachdenken bringt. Doch dieser Moment allein reicht oft nicht aus. Entscheidend sind zusätzliche persönliche Gründe, die langfristig motivieren.
Aus diesem Gedanken entstand auf der Barmelweid ein besonderes Symbol: kleine geschnitzte Holzhände als Schlüsselanhänger. Sie erinnern an die persönlichen Gründe für den Rauchstopp – fünf Gründe, symbolisiert durch die fünf Finger einer Hand. Die individuellen Hände werden von einem ehemaligen Patienten der Nikotinberatung geschnitzt, der selbst seit vielen Jahren rauchfrei lebt.

Vor allem aber braucht es Geduld – und die Überzeugung der beratenden Fachperson, dass Veränderung möglich ist und jeder Mensch die dafür notwendigen Ressourcen entwickeln kann. Hier setzt die verhaltenstherapeutische Arbeit der Nikotinberatung an.
Prävention beginnt zu Hause
Wenn Koalick über Prävention spricht, richtet sie den Blick nicht nur auf die Politik und das Gesundheitssystem, sondern zeigt auch auf, wie wichtig eine frühe und ehrliche Aufklärung ist. «Eltern, Kinder und Jugendliche sollten möglichst früh – durch Fakten und mit Erfahrungsbeispielen – erfahren, welche Risiken Nikotinprodukte mit sich bringen», weiss Koalick.
Der WHO-Award lenkt den Blick nun auf die Arbeit der Barmelweid und auf die Situation in der Schweiz. Für Susann Koalick ist das eine Chance – und zugleich ein Auftrag: «Jetzt schaut die Welt auf uns. Deshalb müssen wir die Aufmerksamkeit nutzen und handeln.» Denn eines ist für sie klar: Solange die Industrie neue Produkte entwickelt, wird auch die Prävention neue Antworten finden müssen. Die nächste Herausforderung kommt bestimmt – und wird dann vielleicht Thema an der nächsten Nikotintagung, 2028, sein.
Weitere Informationen:
Mehr zu Susann Koalick
Rede von Susann Koalick zum WHO-Award (pdf)
Alle WHO-Award-Trägerinnen und -Träger
Mehr zur Nikotinberatung auf der Barmelweid
Podcast mit Anastasija zu Nikotinbeuteln